Die neurobiologischen Voraussetzungen für die Entfaltung von Neugier und Kreativität

von Gerald Hüther

Höchstleistung des Gehirns im Traum oder Halbschlaf


Kreative Menschen wissen oft gar nicht genau, woher sie ihre Inspirationen nehmen und wie sie zu ihren genialen Einfällen kommen. Manchmal scheint es so, als seien ihre Ideen oder ihre Leistungen „gänzlich aus dem Bauch“ gekommen oder vom „tiefsten Grund des Herzens“ geschöpft. Am schöpferischsten sind wir sonderbarerweise unter Bedingungen, die nach landläufiger Meinung nicht geeignet sind, hirntechnische Hochleistungen zu erbrin- gen: träumend oder noch halb schlafend. Kreativität, so scheint es, ist also eine Leistung, die nicht dadurch erreicht werden kann, dass man sein Denkorgan besonders anstrengt, um ein bestimmtes Problem zu lösen. Vielmehr kommen uns die wirklich kreativen Einfälle wohl eher ausgerechnet dann, wenn es uns gelingt, unser Gehirn ohne Druck und ohne gezielte Anstrengung zu benutzen.


In gewisser Weise geht es uns dabei offenbar ähnlich wie den besten Sängern unter den Singvögeln, deren Gesangsleistungen Konrad Lorenz so treffend beschrieben hat: „Wir wissen wohl, dass dem Vogelgesang eine arterhaltende Leistung bei der Revierabgrenzung, bei der Anlockung des Weibchens, der Einschüchterung von Neben- buhlern usw. zukommt. Wir wissen aber auch, dass das Vogellied seine höchste Vollendung, seine reichste Differenzierung dort erreicht, wo es diese Funktionen gerade nicht hat. Ein Blaukehlchen, eine Amsel singen ihre kunstvollsten und für unser Empfinden schönsten, objektiv gesehen am kompliziertesten gebauten Lieder dann, wenn sie in ganz mäßiger Er- regung ,dichtend‘ vor sich hin singen. Wenn das Lied funktionell wird, wenn der Vogel einen Gegner ansingt oder vor dem Weibchen balzt, gehen alle höheren Feinheiten verloren, man hört dann eine eintönige Wiederholung der lautesten Strophen. Es hat mich immer wieder geradezu erschüttert, dass der singende Vogel haargenau in jener biologischen Situation und in jener Stimmungslage seine künstlerische Höchstleistung erreicht wie der Mensch – dann nämlich, wenn er in einer gewissen seelischen Gleichgewichtslage, vom Ernst des Lebens gleichsam abgerückt, in rein spielerischer Weise produziert.“


Wenn wir uns nun selbst fragen, wann es uns im Lauf unseres Lebens am besten gelungen ist, „in einer gewissen seelischen Gleichgewichtslage, vom Ernst des Lebens gleichsam abge- rückt, in rein spielerischer Weise“ unser Gehirn zu benutzen, so wird dieser Zustand höchster Kreativität für die meisten Menschen dort erinnerbar sein, wo wir ihn in unserer vom Effizi- enzdenken geprägten Vorstellungswelt am wenigsten vermutet hätten: in der frühen Kind- heit. Es lohnt sich also, der Frage nachzugehen, warum das so ist und wie es kommt, dass so viele Menschen diese Fähigkeit im Lauf ihres Lebens früher oder später verlieren.

wie das potenzial zu lernen und gestalten herausgeformt wird

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